Widmers unterwegs

Dienstag, 24. September 2024

Zugreisli in die USA

Heute möchten wir uns noch von Suzanne verabschieden, bevor sie zur Arbeit fährt. Bert ist schon um 5:00 losgefahren, aber das schaffen wir beim besten Willen nicht… Wir stellen den Wecker mal um 6:30. Nach einer erfrischenden Dusche setzen wir uns ins Wohnzimmer und geniessen unseren Früchteteller (stand bereits im Kühlschrank bereit). Dazu schreiben wir am Blogbeitrag von gestern (die Auswahl der Walfotos dauert seine Zeit…) und starten gemütlich in den Tag. Wir verabschieden uns von Sammy, bevor er in die Schule geht. Er möchte unbedingt in unserem Blog erwähnt werden, also machen wir noch ein schönes Abschiedsfoto mit ihm.

Wir packen unsere Siebensachen und laden alles ins Auto. Heute zeigt sich Vancouver nochmals von seiner besten Seite und schenkt uns strahlenden Sonnenschein vom blauen Himmel (zumindest am Morgen). Wir fahren zum Stanley Park, machen einen kurzen Spaziergang und ein paar Fotos der Skyline bei schönem Wetter.

Dann fahren wir nach Yaletown, wo ein Restaurant neben dem anderen liegt, und suchen uns ein Mittagessen. Aus Hungeranfallsgründen landen wir irgendwie aber trotz grosser Auswahl wieder in einem A&W. An dieser Stelle müssen wir an Simone’s Ansage von vor einer Woche erinnern: sie wollte nämlich maximal 1x pro Woche Fastfood essen. Na ja, also erstens haben wir den Überbegriff FastFood gleich mal auf Hamburger und Pommes reduziert. Zweitens hat sie kaum zwei Tage durchgehalten. Aber A&W gibts ja auch nur in Kanada und der eine oder andere Burger musste einfach noch probiert werden! Oder Niels? :) Der Apple Turnover ist übrigens auch sehr zu empfehlen, ähnlich wie der Hot Apple Pie bei McDonalds, aber mit Zimt und Zucker aussenrum!

Nach diesem ganzen Essen UND je einem halben Liter Hirnzellen-einfrierendem Cola (die Gläser kommen frisch aus dem Teifkühler, bevor das Getränkt eingefüllt wird) stehen wir wieder draussen und machen noch einen Verdauungsspaziergang durch Vancouvers Innenstadt. Dabei besuchen wir die Public Library und schauen uns die Aussicht von der Terrasse im neunten Stock an.

Als es Zeit wird, steigen wir ins Auto und bringen dieses ohne Zwischenfälle bei der Vermietung zurück. Danach rollen wir unsere zwei Koffer ca. 900m bis zum Bahnhof (wir haben etwas studiert, als wir das Auto gemietet haben!) und lassen uns hier auf das Abenteuer amerikanisches Zugfahren ein.

Natürlich kommt sonst fast niemand auf die Idee, mit dem Zug in die USA einzureisen. Am Vancouver Hauptbahnhof fahren gerade einmal zwei Züge am Tag. Wir müssen ein Formular ausfüllen, in welchem wir deklarieren, keine Güter zum Verkauf nach Amerika einzuführen, nicht mehr als je 10'000 US Dollar dabei zu haben, keine Waffen oder Drogen zu schmuggeln, etc… Bei der Einfuhr von Nahrungsmitteln zögern wir kurz, denn wir haben eine beachtliche Menge an Proviant und Schokolade dabei (schliesslich wollen wir in diesen acht Wochen keine amerikanische Schokolade kaufen müssen!), aber wir deklarieren das für uns als Reiseproviant. Nach langem Warten passieren wir dann mit den Letzten den Schalter, lassen ein Foto von uns machen, bezahlen 12 Dollar Einreisegebühren und Simone bekräftigt mit wildem Kopfnicken, dass sie wirklich das erste Mal in die USA einreist. Schliesslich geben wir unsere Koffer beim Gepäckwaggon ab und setzen uns in den Waggon für die Reisenden.

Die Stimmung ist gut, alle sind miteinander am essen und trinken (es ist kurz nach 16 Uhr) und der Schaffner beginnt sogleich mit seinen zahlreichen und fröhlichen Durchsagen, in jedem Teilsatz hängt er ein “Hey Folks” an. Ob der Zug wirklich hält, was er verspricht, werden wir aber laaange nicht herausfinden. Wir fühlen uns an eine Zugreise in Serbien zurückerinnert. Wir fahren nämlich im Schrittempo aus dem Bahnhof hinaus und nach ca. 300m ist Schluss. Wir stehen still. Nach fünf Minuten ertönt die Durchsage, dass irgendein Güterzug uns in den Weg gefahren ist. Wir stehen also vierzig Minuten herum und warten, bis der Güterzug gnädigerweise wieder Fahrt aufnimmt. Immerhin ist er doppelstöckig mit Containern beladen und sehr imposant.

Wir nutzen die Zeit und spielen etwas Frantic, das Kartenspiel, das Marco auf den Geburtstag geschenkt bekommen hat. Und in diesem ehrlichen Moment rückt Marco auch noch mit der Sprache hinaus, dass wir eigentlich den Bus hätten nehmen können von Vancouver nach Seattle und dass dieser mindestens eine halbe Stunde schneller gewesen wäre. Aber Marco und das Zugfahren… Also erleben wir halt diese sehr gemächliche Art des Reisens hinter dem Güterzug her und halten vor jeder Weiche an, weil der Güterzug vor uns seine liebe Mühe hat.

An der Landesgrenze gibt es dann noch einmal eine Passkontrolle, zusätzlich werden alle Früchte konfisziert. Der Herr vis-à-vis von uns kommt aber mit seinem riesigen Sack Trauben irgendwie davon. Weiter geht es laut hornend durch die Nacht nach Süden, bis wir endlich kurz nach 22:00 mit 1h Verspätung in Seattle eintreffen.

Nachdem wir auf dem Gepäckkarussell unsere zwei Koffer wieder entgegengenommen haben, machen wir uns auf den Weg zu unserer Unterkunft (zweimal umfallen reicht). Unterwegs überraschen uns der saubere Bahnhof und die schöne Skyline. Wir freuen uns, morgen Seattle zu entdecken!