In den Sonnenuntergang
Heute Nacht haben wir die Rollos nicht nach unten gezogen, denn wir sehen vom Bett aus direkt auf den Bear Lake. Wir erwachen mit mysthischer Stimmung über dem See vor Augen und geniessen unsere Ruhe, denn wir sind die einzigen auf diesem verlassenen Campingplatz. Heute Morgen hat Marco das Bedürfnis, etwas länger liegen zu bleiben und wir nehmen uns die Zeit, wir müssen erst um 11 Uhr wegfahren.
Zum Frühstück toasten wir ein paar Waffeln, anschliessend entsorgen wir die Asche von unserem gestrigen Brätel-Abenteuer und dann gehts weiter. Im Nachbardorf gehen wir noch “schnell” das Nötigste einkaufen; da es aber wieder ein neuer Laden ist und die Regale so unglaublich spannend sind, fahren wir erst etwa eine Stunde später weiter. Gut, eine kleine Verzögerung haben wir auch dem spektakulären Coci-Flaschen-Springbrunnen zu verdanken, der unseren halben Camper und den halben Marco in braune sprudelnde Fluten taucht; irgendwie ist die Flasche beim Verräumen vermutlich mit einer herausstehenden Schraube kollidiert und hat das nicht heil überstanden. Jedenfalls ist unser Camper jetzt wieder sauber geputzt…
Wir fahren über eine kurvige Passtrasse bis nach Logan und essen dort ein Subway-Sandwich zum Zmittag. Dann gehts weiter auf der Autobahn nach Salt Lake City, wo wir den dichtesten Verkehr unserer bisherigen Reise erleben. Simone ist heilfroh, als wir endlich beim Campingplatz ankommen, denn hier hat es teilweise sechs Spuren und es überholen einen riesige Lastwagen auf der linkesten Spur, das sind wir uns von der Schweiz her nicht so gewohnt.
Der KOA-Campingplatz in Salt Lake City ist gross und es hat alle erdenklichen Annehmlichkeiten: Von Waschmaschinen über Entsorgungsstationen (ob sie Abfall trennen hat Marco noch nicht rekognosziert) bis zu einem Hot Tub, einer Hundespielecke und haufenweise Spielmöglichkeiten für Kinder. Wir müssen uns nach der Ankunft zuerst etwas aklimatisieren, denn es ist plötzlich warm! Wir ziehen kurze Hosen an und trödeln noch etwa eine Stunde herum, bis wir uns aufmachen, um heute noch etwas zu erleben (es ist inzwischen 17 Uhr).
Gleich vor dem Campingplatz liegt eine Tramstation. Wir lösen also ein Ticket und fahren ins Zentrum. Salt Lake City ist Hauptsitz der Church of Jesus Christ of Latter-day Saints, der Mormonen. Im Bundesstaat Utah gehören 61.5% der Bevölkerung dieser Konfession an und das Stadtzentrum von Salt Lake City wird dann auch dominiert von einer riesigen Kirche, dem Tabernakel, einem riesigen Verwaltungsgebäude und vielen weiteren Gebäuden mit Bibliotheken, Schulen usw. der Mormonen (wobei etwa dreiviertel dieser Gebäude gerade renoviert werden). Die Stadt besticht mit der Lage zwischen Hügeln und den vielen grünen Fleckchen und ist recht sauber. Uns fällt auf, wie wenig Randständige dass es hier hat, im Vergleich zu den bisher besuchten grösseren Städten.
Im Zentrum liegt eine Mall mit offenem Dach (im Bundesstaat Utah scheint an 300 Tagen im Jahr die Sonne, versichert uns die Werbe-Broschüre). Hier gibt es nach Tagen endlich wieder einmal einen leckeren Kaffee für Simone!
Wir marschieren bis zum Capitol. Hier ist es ruhig, kein Schlagabtausch zwischen Demokraten und Republikanern weit und breit.
Dann machen wir uns an den Aufstieg. Marco hat nämlich ein paar “Peaks” herausgesucht, die man rund um Salt Lake City besteigen kann, um eine gute Sicht auf die Stadt zu erhalten. Natürlich müssen wir uns zuerst von oben einen Überblick verschaffen, ausserdem sollten wir uns nach dem ganzen Fast Food endlich wieder einmal bewegen. Weil wir ein bisschen spät dran sind, kommt eigentlich nur noch der kürzeste Marsch in Frage: Der Ensign Peak liegt direkt hinter dem Capitol. Also, los gehts, zuerst den Strassen entlang den Hang hinauf, dann über Fusswege durch Grasland und über sandigen Grund. Am Hang hat es hier ganz viele Villen und unser Fussweg schlängelt sich im grossen Bogen um diese herum.
Die Sonne neigt sich rasch dem Horizont zu und wir unterbrechen den Aufstieg einen Moment, um den Sonnenuntergang zu geniessen. Er ist wunderschön. Als wir oben ankommen, erwartet uns ein toller Blick über die Stadt in der Abenddämmerung. Wir setzen uns hin und geniessen das Lichtermeer. Pfeilgerade Strassen, Lichterketten auf der Autobahn, die Anfluglinie der Flugzeuge auf den Flughafen wird durch die Scheinwerfer der hintereinander landenden Riesen sichtbar. Und in der Ferne kommt der Salzsee in Sicht, der der Stadt den Namen gegeben hat.
Bald wird es etwas frisch und wir machen uns auf den Rückweg. Zurück in der Zivilisation fahren wir mit dem Tram hinaus auf den Campingplatz, wo wir uns Cup Noodles kochen und dann rasch ins Bett kriechen, müde vom heutigen Abendspaziergang.