Widmers unterwegs

Donnerstag, 24. Oktober 2024

Zion National Park

Gestern Abend waren wir schon fast eingeschlafen, als um unseren Camper herum drei Pick-Ups anhielten und bei laufendem Motor ein totes Reh von einer Ladefläche auf die andere buxierten. Danach tranken die Jäger, mit weiterhin laufendem Motor, noch zusammen ein Bier unter lautem Gelächter. Nach diesem kurzen Intermezzo war die Nacht unter dem wunderbaren Sternenhimmel aber sehr erholsam und ruhig. Heute Morgen müssen wir wieder einmal die Heizung einschalten um aus dem Bett zu kommen, es ist frisch! Zum Frühstück gibts ausnahmsweise sogar Rührei. Danach fahren wir los in Richtung Zion National Park. Es ist der fünfte und letzte Nationalpark im Bundesstaat Utah.

Wir fahren von Osten in den Park hinein. Hier müssen wir durch einen sehr engen Tunnel, der für Gefährte über 3.4m hoch und 2.4m breit jeweils gesperrt und dann nur in eine Richtung befahren wird. Natürlich fallen wir mit unseren riesigen Schiff in diese Kategorie, wir bezahlen also den Permit von 15 Dollar. Nach einem kurzen Funkspruch des Rangers werden wir angewiesen, mit 25 mph loszufahren, nicht anzuhalten und uns schön in der Mitte der beiden Spuren zu halten. Es ist ein Erlebnis, denn im Tunnel ist es stockdunkel und wir erahnen nur den Bogen der Tunneldecke. Wir fahren einer Autokolonne voraus und als wir auf der anderen Seite den Tunnel verlassen, wartet da auch schon wieder eine Reihe Autos. Nach dem Tunnel geht es eine enge Passstrasse hinunter und wir sehen hier schon die hohen rot-weissen Felswände, die für den Zion Nationalpark typisch sind. Der Park liegt hier aber am Talboden des Canyons, nicht oben auf der Abbruchkante. Am unteren Ende der Passstrasse kommen wir zum Visitor Center, hier sind jedoch alle Parkplätze schon besetzt. Der Platz dünkt uns ein wenig knapp bemessen für die vielen Besucher, aber das Tal ist halt nur so breit wie es ist.

Wir fahren also auf der anderen Seite wieder aus dem Park hinaus in das Dorf Springdale. Hier hat es nicht etwa einen grossen Parkplatz, wie wir uns das nun von Amerika sonst gewöhnt sind, sondern an jeder Ecke verdienen Private auf ihrem eigenen Land ein Vermögen mit Parkplatzspesen. Wir bezahlen 25 Dollar für den ganzen Tag, wahnsinnig viel für amerikanische Verhältnisse! Bis wir parkiert haben ist es ca. 11 Uhr. Wir packen unsere Siebensachen und stellen uns dann an die Bushaltestelle an der Hauptstrasse, um mit dem Shuttle wieder der Strasse entlang zurück zum Nationalpark zu fahren. Beim Parkeingang steigen wir aus, werden durch den Fussgängereingang, das Visitor Center, ein paar Läden, Toiletten und eine Ausstellung geschleust und finden dann die Haltestelle vom nächsten Shuttle, der uns den Scenic Drive hochfährt, welcher nur für Shuttles und Velos zugänglich ist.

Der erste Bus ist pumsvoll, auf den nächsten schaffen wir es. Unterwegs kommentiert der Bus-Chauffeur ganz nach amerikanischer Art, was es hier zu sehen gibt, erzählt Anekdoten von Felsstürzen und dergleichen und bei jedem Halt verkündet er durch den Lautsprecher, was man hier machen kann (z.B, eine 100m-Rundwanderung) und vor allem, was alles nicht zugänglich oder geschlossen ist. Und das nicht etwa, weil Saisonende wäre, wir sind hier ja mitten in der Hauptsaison. Nein, seit dem Felssturz vor fünf Jahren hat einfach niemand die Parkpläne angepasst, überall stehen noch Wanderungen aufgeführt, die längst zugeschüttet sind, und so muss der Chauffeur dafür sorgen, dass sich da niemand drauf wagt. Gut, es hat auch noch ein paar grosse “Zugang verboten”-Schilder vor den entsprechenden Strassen, aber wir finden es doch erstaunlich, dass nach so langer Zeit noch niemand Aufräumarbeiten gestartet hat oder der Parkplan zumindest angepasst wurde.

Wir fahren bis ganz nach hinten im Tal, um zuerst einen Eindruck des Parks zu erhalten. Hier steigen wir mit vielen lustig verkleideten Besuchern aus; sie tragen graue plastifizierte Latzhosen, wasserdichte Wanderschuhe und alle haben einen grossen Holzstock mit dabei. Ihr Ziel sind “The Narrows”, eine der Hauptattraktionen hier im Park. Wenn man im Tal vom letzten Busstop ca. 2 km weiter nach hinten läuft, werden die Felswände immer enger und ab da ist kein Durchkommen mehr auf einem Weg, es geht nur noch durch den Fluss. Wir spazieren gemütlich bis zu diesem Ausgangspunkt und schauen uns das Spektakel an: da werden Schuhe gebunden, es hängen nasse Kleider an den Bäumen und alle posieren noch trocken für ein Foto, bevor der Marsch losgeht. Laut den Infos auf unserem Plänli dauert die Runde bis ganz nach hinten und wieder zurück ca. 8 Stunden.

Zurück bei der Bushaltestelle nehmen wir den Shuttle wieder zurück und steigen nach zwei Stops aus, hier gibt es einen Spazierweg und man kann die Felswände von unten bestaunen. Dabei fallen uns die vielen Velofahrer auf, die gemütlich über die Parkstrasse radeln. Tipp fürs nächste Mal, das würden wir so machen, statt den überfüllten Shuttle zu nehmen! Alle gemieteten Velos haben einen angebauten Köcher für den Wanderstab, damit der Transport unfallfrei passiert. Das sieht lustig aus!

Bald kommen wir bei der Zion Lodge an. Hier verköstigen wir uns und essen wieder einmal Hamburger und Pommes (ist aber wirklich lange her seit dem letzten Mal), sitzen dabei im Gras und beobachten das Geschehen.

Marco hätte ein paar tolle Verbesserungsvorschläge für diesen Nationalpark. Es scheint, als hätten sie das Upscaling auf die grösseren Touristenmengen etwas verpasst (für einige Wanderungen braucht man eine Bewilligung, so regulieren sie die Anzahl Personen an den heiklen Stellen und die Parkplatzsituation ist nicht sehr zufriedenstellend). Der Park beeindruckt uns ein bisschen weniger als andere. Vielleicht liegt es daran, dass wir den Canyon nicht von oben her anschauen sondern von unten, so sind die Felswände nicht ganz so eindrücklich. Was uns eigentlich fast am meisten Eindruck gemacht hat, war der enge, dunkle Zufahrtstunnel. Aber das ist mit einem Auto vielleicht auch nicht ganz gleich speziell.

Wir geniessen den sonnigen Tag in vollen Zügen, es ist in kurzen Hosen und T-Shirt schon fast zu warm, nehmen nach der Mittagspause den Shuttle wieder für ein paar Stops und steigen dann etwa drei Stationen vor dem Parkausgang aus, um nochmals ein wenig zu Fuss zu gehen. So haben wir immerhin alle “Wanderungen”, die unter der Sparte “einfach” aufgefürt sind, abspaziert.

Somit haben uns definitiv ein Glace verdient, als wir zurück beim Visitor Center sind. Aus reiner Neugier erkundigen wir uns, wie hoch die Tagesmiete für ein Velo ist. 40 Dollar für ein herkömmliches, 80 Dollar für ein E-Bike. Jetzt sind wir doch nicht mehr ganz so sicher, ob wir das machen würden. Das ist ja teurer als am Bodensee!

Wir nehmen den Bus zurück bis zu unserem Camper. Inzwischen ist es viertel vor fünf geworden und wir sind zu spät dran, um den Weg zurück durch den Tunnel zu nehmen. Die Schliessung durch die Ranger für grosse Fahrzeuge ist nur bis halb fünf gewährleistet. Also fahren wir nach Westen los, um die Passstrasse grossräumig zu umfahren. Unser Tagesziel heute ist Page, das liegt aber noch gute drei Stunden östlich. Also spulen wir einige Meilen, halten unterwegs mal noch für einen kurzen Einkauf an und kommen schliesslich in der dunklen Nacht in Page an, wo wir uns auf den Walmart-Parkplatz stellen.

Wir haben unterwegs den Bundesstaat Arizona erreicht, und Simone kriegt ein Riesendurcheinander mit den Zeitzonen hier. Arizona ist eigentlich noch in der gleichen Zeitzone wie Utah, woher wir kommen, aber sie haben keine Sommerzeit. Deswegen haben wir sozusagen die Zeitumstellung vom Sonntag bereits am Donnerstagabend und sind wieder 9 Stunden von der Schweizer Zeit entfernt. Was dann die Winterzeit am Sonntag für uns bedeutet, überlegen wir erst dann, sonst kriegen wir einen Knopf im Hirn. Natürlich hat auch nicht der ganze Bundesstaat Arizona die Sommerzeit abgeschafft, das grosse Navajo-Reservat hat wieder eine andere Zeit. Also wenn wir da in den nächsten Tagen vorbeigehen, stellt es uns die Zeit wieder um. Wir sind nur froh, dass unsere Handys das selbstständig können, wir wären heillos übefordert! Jedenfalls ist es dank der Zeitumstellung erst abends um acht, als wir uns auf dem Parkplatz einrichten. Wir kochen ein paar Resten zum Znacht und fallen dann bald todmüde ins Bett, die Fahrerei hat uns recht geschafft!