Widmers unterwegs

Mittwoch, 30. Oktober 2024

Rauf und runter

Als wir heute aufstehen, haben wir schon eine orange Campground Warning unter dem Scheibenwischer, weil wir die Übernachtungsgebühr noch nicht bezahlt haben, die aber gestern ja niemand einkassieren wollte… Wir kommen nicht ganz draus, wie das hier läuft. Während Simone nach dem Frühstück den Camper aufräumt, macht Marco drei Runden über den Platz. Die Ranger Station ist noch immer unbesetzt, aber jemand hat das “Out of order”-Schild beim Bezahl-Automaten weggenommen. Für gestern lösen kann man hier aber nicht mehr, also lösen wir halt für die Folgenacht ein Ticket. Der Automat spuckt allerdings keine schriftliche Bestätigung aus… Schulterzuckend nehmen wir das zur Kenntnis, und als wir um kurz nach neun vom Platz rollen, rennt uns zumindest niemand schimpfend hinterher :)

Weiter geht die Fahrt durchs Todestal, das uns immer noch wunderschön dünkt. Heute fahren wir so viel Höhenmeter rauf und runter wie selten. Alleine aus dem Death Valley hinaus müssen wir über zwei Pässe. Zuerst von Meereshöhe auf ca. 1500m, dann wieder auf 500m hinunter, dann auf 1600m, dann wieder auf 1100m ins Owens Valley hinunter. Zum Glück ist es nicht so heiss wie im Sommer, sonst hätte unser Motor garantiert überhitzt. So dröhnt er einfach nur voll Rohr, während wir über sanfte und schaurige Bodenwellen und bald über enge Passtrassen fahren. Es dauert den ganzen Morgen, bis wir den Nationalpark verlassen haben und langsam wird uns auch klar, wieso das hier Death Valley genannt wird. Es liegt nicht nur an der Hitze im Tal. Es ist auch nur über Passstrassen erreichbar (die Klimaanlage schaltet man im Sommer gemäss Warnschildern besser aus, damit der Motor nicht überhitzt) und man muss wirklich mit gefülltem Benzintank hineinfahren, denn anscheinend haben die Tankstellen im Death Valley öfters mal einfach ein paar Tage kein Benzin.

Wir fahren durchs Owens Valley östlich der Sierra Nevada entlang weiter nach Norden. Die Berge erinnern fast ein wenig an die Dolomiten.

In Manzanar machen wir eine Pause. Hier haben die Amerikaner nach dem Angriff der Japaner auf Pearl Harbor von 1942 bis zum Ende des Kriegs 1945 ca. 11'000 japanisch-stämmige Amerikaner in einem Lager eingesperrt. Es gab in ganz Amerika insgesamt zehn solcher Lager, informiert uns ein Schild. Wir können hier repräsentativ wieder aufgebaute Baracken, Küchenbauten und einen Wachturm besichtigen. Es ist sehr spannend, aber auch beklemmend zu sehen, dass die Amerikaner mit ihren eigenen Staatsbürgern ähnliches angestellt haben, wie den Juden angetan wurde. Natürlich nicht im gleichen Ausmass, sie konnten hier leben, Felder bewirtschaften, für die Kinder Schulen einrichten und mussten nicht verhungern. Aber sie waren eng zusammengepfercht und ihrer Freiheit beraubt, viele Männer wurden von ihren Familien getrennt und bei Aufständen gab es Tote.

Nach diesem geschichtlichen Exkurs essen wir auf dem Parkplatz ein Picknick und begeben uns wieder auf den Highway. Unterwegs halten wir in Bishop an, denn der Reiseführer rühmt hier eine Bäckerei, die anscheinend Brot backen soll, das annähernd an europäische Verhältnisse herankommt (man merke: europäisch ist nicht gleich schweizerisch!). Für Simone, die die in Plastiksäcken verpackten, gummiweichen, in dünne 5mm-Tranchen geschnittenen Karton-ähnlichen Toast-Scheiben nicht mehr sehen kann, ein Hoffnungsschimmer! Die Parkplatzverhältnisse für Camper sind prekär, aber wir finden in der Nähe einen Platz und streben voller Erwartung zielstrebig in den riesigen Shop. Als wir reinkommen, riecht es nach Salami. Keine Spur Brotgeruch in der Luft! Mannshohe Regale mit Cookies, Zimtrollen, Russenzöpfen, Halloween-dekorierten Muffins und Brotsäcken erwarten uns. Es gibt eine Sandwich-Theke. Aber eben, in den Brotregalen hat es wieder haufenweise in Plastiksäcke-eingepacktes, weiches Brot. KEINES hat eine knusprige Kruste! ALLE sind bereits in dünne Scheiben geschnitten! Wie gerne hätte Simone doch einfach wieder einmal eine dicke Scheibe Brot mit knuspriger Rinde. Sogar ein M-Classic Pfünder wäre tiptop in Ordnung. Nachdem wir alle Regale abgesucht haben, ziehen wir schliesslich ohne Ausbeute wieder von dannen.

Am Ende vom Owens Valley erwartet uns der nächste Pass, wieder sind wir beide am Gähnen wie die Weltmeister, während der Camper schnaufend und zischend den Pass überquert. Bald kommen wir bei Mammoth Lakes vorbei, ein Skigebiet, das wir aus Erzählungen kennen, und wir machen einen kurzen Abstecher vom Highway. In der Nebensaison ist es hier ziemlich verschlafen und wir durchqueren das Städtchen, um kurz die Seen zu besichtigen. Plötzlich finden wir uns hier im Schnee wieder und steigen nur für eine kurze Runde zum Beine vertreten aus, denn trotz Winterjacken ist es hier zünftig frisch; wir schauen nach und stellen mit Schrecken fest, dass wir wieder einmal auf 2700 müM gelandet sind.

Schnell machen wir uns wieder auf den Rückweg hinunter ins Tal und suchen einen Campingplatz (nachdem Simone erfolglos nach einem Thermalbad gesucht hat, was es in Amerika einfach nicht zu geben scheint). Bald werden wir fündig und können hier sogar gratis auf dem Glass Creek Campingplatz mitten im Wald übernachten (es wird freundlich um 10$ Spende gebeten). Der Platz liegt “nur” noch auf 2200 müM, aber wir müssen trotzdem schon bei der Ankunft die Heizung anwerfen… Tja, der November naht! Wir essen nochmals Riz Casimir zum Znacht und recherchieren dann in Ruhe, wie wir morgen in den Yosemite National Park kommen und wie unsere Reise danach weitergeht.