Widmers unterwegs

Donnerstag, 31. Oktober 2024

Yosemite National Park

Als wir heute mitten im Wald erwachen, gibts keine lange Morgenprozedur: das Wasser ist uns nämlich gestern Abend ausgegangen. Deswegen wird weder geduscht noch gefrühstückt, wir fahren direkt los an eine Dumping Station. Zum Glück gibt es das Campendium! Keine drei Kilometer entfernt kennt es eine Rest Area mit einem Wasserhahn (die Tanks leeren müssen wir ja zum Glück nicht, das haben wir im Death Valley geschafft). Nachdem ein Bus seine kurze Pause vor unserem Wasserhahn beendet hat, fahren wir heran und schliessen den Schlauch an. Es steht zwar nichts von Trinkwasser, aber wir trauen dem frischen Bergwasser hier (später stellt sich dann heraus, dass das Wasser so chlorig ist, dass sicher gar kein einziger Keim darin wachsen kann… lecker).

Nachdem wir den Wassertank gefüllt haben, fahren wir weiter und klappern die letzten drei Tankstellen im Tal ab, bevor wir uns an die nächste Passüberquerung machen. Es trifft uns fast der Schlag bei den Bezinpreisen und wir müssen beide Augen zudrücken, als wir sehen, was uns diese Tankfüllung kostet. Jänu, mal günstiger, mal wieder teurer (aber es war wirklich fast doppelt so teuer pro Gallon wie bei der letzten Tankstelle - Welcome to California!).

Voller neuer Energie kämpft sich unser Camper dann tapfer die steile Passtrasse hinauf. Wir kommen vom Sonnenschein zuerst in den Nebel, dann ins Schneegestöber und fühlen uns plötzlich ganz so, als würden wir gerade in die Skiferien fahren! Ein schöner Vorgeschmack auf den Winter, der uns dann zu Hause wieder erwartet. Wir drehen die Heizung etwas höher und fahren vorsichtig über den feinen Schneebelag; keine Ahnung, ob wir Sommer- oder Winterreifen drauf haben und wie sich so ein 5-Tonnen-Vehikel verhält, wenn es ins Rutschen kommt. Wir sehen auf der ganzen Route keinen einzigen anderen Camper. Auf 3031 müM erreichen wir die Passhöhe des Tioga Pass.

Hinten geht es nicht mehr ganz so steil nach unten und wir kurven langsam wieder in wärmere Gefilde. Auf einem schönen Rastplatz machen wir eine Pause und frühstücken, das hätten wir vor lauter alles Auffüllen und Passfahrt beinahe vergessen, wenn sich bei Simone nicht pünktlich der Hunger gemeldet hätte. Wir kochen einen Schwarztee zu unseren Gipfeli und hier bemerken wir, wie chlorig das Wasser ist… Wäh! :/

Frisch gestärkt gehts weiter, seit der Passhöhe sind wir im Yosemite National Park und mit abnehmender Höhe verändert sich die Vegetation von verschneiten Tannen hin zu bunt farbigen Herbstblättern in der Sonne. Der Nationalpark ist bekannt für seine hohen Granitfelsen und diese sind wirklich sehr eindrücklich und bestimmt noch einges höher als die roten Felswände im Zion National Park.

Wir nehmen nicht den Abzweiger ins Yosemite Dorf, sondern fahren wieder einmal eine neue Passstrasse hoch zum Glacier Point. Unterwegs steht auf einem Schild, dass der Galcier Point und der Tioga Pass morgen Abend um 18 Uhr schliessen, die Wettervorhersage kündet Schnee an. Puh, da haben wir es aber gerade noch knapp durchgeschafft! Eine ganze Stunde dauert die Fahrt bis zum Glacier Point, sie geht durch zwei Tunnel, durch die wir von der Höhe her nur ganz knapp hindurchkommen, und schliesslich kommen wir auf einem Aussichtspunkt an, von dem man das ganze Yoesmite Valley überblicken kann. War ja klar, dass Marco da hoch wollte. Wir sehen von hier, dass sich ein Abzweiger zu den bekannten und imposanten Yosemite Falls nicht gelohnt hätte, die Wasserfälle sind in dieser Jahreszeit versiegt und man sieht nur ganz hohe, glatte Granitwände. Schilder erklären uns, wie das Tal einst vom Fluss Merced und später von Gletschern hier geformt wurde. Es ist eindrücklich, dass es am Talboden flach ist und dann auf beiden Seiten gerade und hohe Felswände das Tal säumen!

Half Dome

Als es langsam frisch wird, fahren wir die Strasse wieder ein Stück zurück. Nach einer kurzen Zwischenverpflegung schnüren wir die Wanderschuhe und machen uns auf den Weg. Unser Ziel ist der Taft Point, ein weiterer Aussichtspunkt auf das Tal. Es stellt sich aber heraus, dass dieser Spaziergang auch gleich zu einem Höhenangsttraining für Simone wird. Am Taft Point steht man nämlich auf Granitplatten, an deren Ende es einfach steil mindestens 900 Meter im freien Fall nach unten ins Tal geht. Ohne Absperrung!!! So etwas gäbe es in der Schweiz niemals an einem Aussichtspunkt, zu dem man in 20-30 Minuten vom Parkplatz her hinlaufen kann. Nur auf ca. zwei Metern gibt es ein wackliges Geländer, bei dem wir uns vorsichtig an den Abgrund wagen. Simone rutscht das Herz in die Hose, der Puls ist auf 300 und sie kann nicht mehr gut atmen, aber sie schafft es schliesslich zitternd, einen kurzen Blick nach unten zu werfen. Aber das war definitiv genug Training! Schnell verschwinden wir wieder von hier und überlassen die wahnsinnigen Gestalten, die sich am Abgrund im Schneidersitz niedergelassen haben und ihren Kaffee schlürfen, ihrem Schicksal.

Auf dem Weg hinunter kurven wir noch ins Yosemite Dorf. Im Laden merken wir plötzlich, dass heute Halloween ist; alle sind bereits halb verkleidet am Einkaufen. Wir kaufen uns zwar keines der vielen Souvenirs, die man hier haben könnte, aber dafür ein Pack Chips zum Apéro. Dann schlendern wir zurück zum Camper und fahren in der Abenddämmerung westlich aus dem Nationalpark hinaus.

In Mariposa geraten uns die Horden von Kindern und anderen Halloween-begeisterten Einwohnern schier unter die Räder, noch nie haben wir in Amerika so viele Fussgänger gesehen wie an diesem Abend! Schliesslich schaffen wir es aber ohne Unfälle an allen verkleideten Hexen und Gespenstern vorbei auf den Parkplatz mitten im Dorf, der laut Internet niemanden gehört und wo man ungestört über Nacht drauf stehen bleiben kann. Wir kochen also einen Znacht und als wir fertig sind mit Abwaschen, nimmt draussen der Kinderlärm etwas ab. Wir sind froh, klopfen die nicht auch an Campertüren, wir hätten gar keine gescheit abgepackten Süssigkeiten zur Hand!

Als wir gemütlich Bericht schreiben und Fotos aussuchen, dringt von draussen aber noch ein anderer Lärm herein. Und schau an, ein Tross Bauarbeiter macht sich daran, die Strasse neben unserem Parkplatz über Nacht aufzureissen, der Verkehr wird umgeleitet und wir fragen uns, ob wir morgen wohl von diesem Parkplatz wieder wegfahren können. Gut, wir beobachten mal die Lage. Im Notfall sind wir, wenn es zu laut wird, ja schnell abgefahren und finden auch anderswo noch eine Bleibe für die Nacht.